NRZ Düsseldorf vom 19.09.2015

Mehr Kleinkinder mit Karies

Artikel "Mehr Kleinkinder mit Karies" in der NRZInterview mit Eva Denecke (smile4kids) zum Thema Zahngesundheit bei Kleinkindern:

Die Zahl der Karieserkrankungen bei Kindern unter drei Jahren nimmt zu. Das liegt unter anderem an der unzureichenden gesetzlichen Vorsorgeregelung für Kinder unter sechs Jahren, meint Zahnärztin Eva Denecke. Die 39-Jährige ist Expertin für Kinderzahnheilkunde und Kieferorthopädie und leitet die von ihr gegründete Kinderpraxis smile4kids® in Hilden.

Frau Denecke, wie oft und ab wann sollten Kinder zur zahnärztlichen Vorsorge gehen?

Eva Denecke: Wir empfehlen ab dem Durchbruch des ersten Zahnes, mit etwa sechs Monaten, zweimal jährlich zur zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchung in unsere Kinderpraxis zu kommen. So können wir Erkrankungen wie Karies oder Fehlstellungen der Zähne rechtzeitig erkennen und gegebenenfalls korrigierend eingreifen.

Bis zum sechsten Lebensjahr eines Kindes wären das elf Vorsorgeuntersuchungen. Einen gesetzlichen Anspruch haben Kinder aber nur auf drei Untersuchungen und das auch erst ab dem dritten bis zum sechsten Lebensjahr.

Das ist zwar richtig, aber es findet derzeit ein Umdenken statt. Viele gesetzliche Krankenkassen folgen bereits den Empfehlungen der meisten Zahnärzte, die Vorsorgeuntersuchungen auch für Kinder unter sechs Jahren bereits ab dem ersten Lebensjahr im halbjährlichen Rhythmus durchzuführen. Auch wir ermutigen Eltern dazu, weil sie und ihre Kinder dabei nur gewinnen können. In unserer Praxis entstehen nämlich trotz der derzeit ungünstigen Gesetzeslage keine Zusatzkosten für die halbjährlichen Vorsorgeuntersuchungen. Das ist sozusagen unser finanzielles Investment für eine bessere Zahngesundheit der kleinsten Patienten.

Zahlt sich das aus?

In Skandinavien und Großbritannien haben sich diese frühzeitigen Zahnarztbesuche bereits ausgezahlt und zu einer deutlichen Verbesserung der Zahngesundheit bei Kindern unter drei Jahren geführt. In Deutschland ist es leider bislang größtenteils so, dass Kinder erst mit 3 Jahren zum ersten Mal in einer Zahnarztpraxis vorgestellt werden. Gerade für Kinder aus Familien, in denen Zahnhygiene nicht so groß geschrieben wird, ist das oftmals zu spät.

Aber die Milchzähne fallen doch ohnehin aus. Warum ist ein gesundes Milchzahngebiss so wichtig?

Die Zähne fallen zwar aus, aber sie erfüllen bis zum Durchbruch der bleibenden Zähne eine wichtige Platzhalterfunktion. Verlieren Kinder ihre Milchzähne etwa durch eine Karies vorzeitig, kann es zu Zahnfehlstellungen kommen, die später in langwierigen Behandlungen korrigiert werden müssen. Darüber hinaus sind die Milchzähne ganz entscheidend an der Sprechentwicklung und Lautbildung beteiligt. Verlieren Kinder beispielsweise ihre Milchfrontzähne durch Karies, fehlt die natürliche, vordere Begrenzung für die Zunge und es kommt zu Sprechfehlern. Und eines sollten Eltern nicht vergessen: Eine Karies bei Milchzähnen ist genauso schmerzhaft wie bei bleibenden Zähnen.

Was können Eltern tun, damit es nicht soweit kommt?

Am wichtigsten ist, dass Eltern ein gutes Vorbild für Ihre Kinder sind. Das heißt: Regelmäßig – mindestens zweimal am Tag – Zähne putzen und halbjährlich zur zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchung gehen. Zudem sollten Kinder so früh wie möglich lernen, aus einem Becher zu trinken und als Durstlöscher lieber Wasser statt zuckerhaltige Getränke wie Saft oder gesüßtem Tee bekommen.

Und wenn das Kind keine Lust auf Zähneputzen hat?

Dann sollten Eltern auf gar keinen Fall mit übermäßigem Druck oder Sanktionen arbeiten, aber sich trotzdem unbedingt durchsetzen. Geduld und Beharrlichkeit sind auch bei der Zahnhygiene der Schlüssel zum Erfolg. Grundsätzlich gilt: Je früher ein Kind an regelmäßige Zahnpflege gewöhnt wird, umso kooperativer ist es. Es gibt jedoch bei jedem Kind Phasen, in denen Zähneputzen als lästiges Übel empfunden wird. Die Eltern sollten dann versuchen, die Kinder spielerisch zu motivieren, indem sie das Zähneputzen beispielsweise zu einem gemeinsamen Familienritual machen oder das Kind erst die Zähne der Eltern putzt, bevor die eigenen an der Reihe sind. Zahnputz-Apps oder Putzuhren können zudem den Spaßfaktor steigern und die gefühlte Zeit verkürzen.

Ab wann können Kinder ihre Zähne völlig selbstständig putzen?

Das hängt von den feinmotorischen Fähigkeiten der Kinder ab. Manche können ihre Zähne bereits mit vier Jahren gründlich von allen Seiten putzen, andere brauchen dafür deutlich länger. Als Faustregel gilt: Kinder sind dann feinmotorisch in der Lage, ihre Zähne selbst zu putzen, wenn sie die Schreibschrift flüssig beherrschen. Bis dahin sollten Eltern die Zähne immer noch einmal nachputzen.

Wie bringen Eltern ihren Kindern bei, wie man richtig putzt?

Das können Eltern und Kinder sich beispielsweise zweimal im Jahr von erfahrenen Profis in unserer Praxis zeigen lassen – und das völlig kostenlos. Denn die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen für Kinder vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr zweimal jährlich die Kosten für ein individuelles Prophylaxeprogramm inklusive Putzschule. Dabei erarbeiten wir zum einen gemeinsam mit dem Kind die richtige Putztechnik und reinigen zum anderen seine Zähne professionell. Abschließend stärken wir den Zahnschmelz noch mit einer lokalen Fluoridierung.

Und wenn trotzdem eine Behandlung notwendig wird: Worauf sollten Eltern achten?

Da Kinder sehr sensible Patienten sind, muss die Behandlung äußerst behutsam erfolgen. Gut aufgehoben ist man deshalb vor allem in speziell auf die Bedürfnisse der kleinen Patienten abgestimmten Praxen mit erfahrenen Fachkräften, die auch ängstliche Kinder vorsichtig motivieren können. Die Praxisräume sollten kindgerecht sein und dafür sorgen, dass sich die Kinder wohlfühlen. Für die Eltern heißt es im Vorfeld der Behandlung: Viel Verständnis haben und versuchen, den Kindern die Angst zu nehmen. Druck und Zwang sind keine guten Ratgeber. Sie führen höchstens dazu, dass die Kinder ihr Leben lang Angst vor dem Zahnarzt haben.

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